Stationär minimalinvasive Wirbelsäulentherapie (SMIWT)

Allgemein

Bevor bei erheblichen therapieresistenten Wirbelsäulenbeschwerden operiert wird, sollte man eine 5 bis 10-tägige stationäre minimalinvasive Intensivtherapie durchführen - es sei denn, akute gravierende Lähmungen zwingen zur sofortigen Operation. Meistens handelt es sich um Nervenwurzelkompressionssyndrome, hervorgerufen durch Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose oder postoperative Narben.

Die stationäre, minimalinvasive Wirbelsäulentherapie steht bei diesen Erkrankungen zwischen der ambulant fachorthopädischen Behandlung und der offenen Operation.

Mit täglichen wirbelsäulennahen Injektionen in Form von Spinalnervanalgesien und epidural-perineuralen Infiltrationen begleitet von einem speziellen physiotherapeutischen Programm, das nach der Entlassung weitergeführt wird, gelingt es in den meisten Fällen die Beschwerden so nachhaltig zu bessern, dass eine offene Operation nicht mehr in Frage kommt.

Das Konzept der stationären minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie (SMIWT) ist multimodal und enthält ärztliche, physiotherapeutische und psychotherapeutische Komponenten.

Die stationäre minimalinvasive Wirbelsäulentherapie hat sich in der Orthopädischen Universitätsklinik am St. Josef-Hospital Bochum in den letzten 15 Jahren bei über 5000 Patienten bewährt und wurde aufgrund eigener Erfahrungen und wissenschaftlicher Studien ständig optimiert.

Die wesentlichen Bestandteile des multimodalen Programmes - wirbelsäulennahe Injektionen, Bewegungstherapie und Verhaltenstraining - sind Evidenz basiert und werden von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft ausdrücklich empfohlen.

Ärztliche Maßnahmen

Die ärztlichen Maßnahmen finden unter Leitung speziell ausgebildeter Orthopäden und Schmerztherapeuten statt. Dazu zählen u.a.:

Physiotherapie

Die begleitende Physiotherapie besteht aus

Die physiotherapeutischen Maßnahmen sind in den Tagesablauf integriert. Zusätzlich findet die Einweisung in ein individuelles Sport- und Bewegungsprogramm nach dem BISFR-Konzept (Bewegung im schmerzfreien Raum) statt, das nach der Entlassung weitergeführt wird.

Psychotherapie

Die Veranstaltungen der Psychologen finden vorwiegend in den späten Nachmittagsstunden statt. Dazu gehören u.a.:

Die Patienten werden in ein Selbsthhilfeprogramm eingeführt, das Ihnen auch nach der Entlassung Möglichkeiten gibt mit Restbeschwerden umzugehen.

Spezielle Maßnahmen

Im Rahmen der stationären minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie gibt es neben dem Standardprogramm in besonderen Fällen noch spezielle diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Dazu zählen u.a.:

Indikationen zur stationären minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie

Hauptindikation sind gravierende Nervenwurzelkompressionssyndrome an der Hals- und Lendenwirbelsäule die ambulant nicht zu beherrschen sind. Vor allem bei Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose und Postdiskotomiesyndrom kommt es zu solchen Krankheitszuständen. Häufig handelt es sich um eine Kombination dieser Ursachen. Weitere Indikationen sind Wirbelgleiten (isthmisch. oder degenerativ.), Osteoporosefraktur und Synovialzysten.

Voraussetzung für eine stationäre Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen ist deren Schweregrad. Dazu gehören starke Schmerzen und neurologische Ausfälle. Wenn die Schmerzen in der visuellen Analogskala (VAS) regelmäßig den Grad 5 überschreiten (0 kein Schmerz, 10 unerträgliche Schmerzen) und bei Belastung, wie z. B. beim Ein- und Ausstieg eines PKW immer wieder vestärkt werden, ist eine ambulante Behandlung nicht sinnvoll. Die transportbedingten Schmerzauslösungen reaktivieren die durch die Schmerztherapie reduzierten Nervenwurzelreizerscheinungen und verzögern den Heilverlauf. Auch gravierende neurologische Befunde im Grenzbereich zur Operation, die in der Regel auch mit starken Schmerzen einhergehen müssen initial stationär behandelt werden.

Im Röntgenbild, CT bzw. MRT sollte ein entsprechender Befund mit der klinischen Symptomatik korrelieren. Es muss immer eine ambulante fachärztliche Behandlung vorausgegangen sein, mit der es nicht möglich war die Symptome nachhaltig zu beeinflussen. Es sollte keine absolute OP-Indikation mit Kaudasymptomatik oder akutem Ausfall funktionswichtiger Muskeln bestehen. In diesen Fällen muss operiert werden. Schließlich muss die Bereitschaft des Patienten vorhanden sein, sich stationär mit täglichen wirbelsäulennahen Infiltrationen behandeln zu lassen.

Wenn aus einem der genannten Gründe die täglichen wirbelsäulennahen Infiltrationen nicht durchgeführt werden können, ist eine stationäre konsrvativ/minimal-invasive Therapie im Akutkrankenhaus nicht indiziert.

Diagnostik vor der minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie

Vor Einleitung der minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie muß die Diagnose gesichert sein. Durch eingehende Erhebung der Anamnese, klinisch neurologische Untersuchung Laborstatus und Darstellung des betroffenen Wirbelsäulenabschnittes in einem bildgebenden Verfahren, sollten alarmierende Symptome aufgedeckt werden.

Bei Kaudasymptomen und akutem Ausfall funktionell wichtiger Muskeln (Fallfuß) ist sofort ein Neurologe und ein Operateur hinzuzuziehen. Das Neurokonsil mit EMG-Befunderhebung ist auch bei weniger schwerwiegenden Paresen initial erforderlich; einmal zur Verlaufskontrolle und zum anderen als Grundlage zur Verordnung von Paresestimulationsgeräten.

Neben der somatischen Diagnostik ist auch eine psychologische Befunderhebung erforderlich ist. Es ist insbesondere nach Chronifizierungskriterien (gelbe Flagge) zu fahnden. Diese Risikofaktoren für das Auftreten chronischer Rückenschmerzen stellen nicht unbedingt eine Kontraindikation zur stationär minimalinvasiven Wirbelsäulentherapie dar, sind jedoch Anlaß für eine spezielles physiotherapeutisches und psychotherapeutisches Programm.