Akute und chronische Schmerzsyndrome an der Brustwirbelsäule spielen im Vergleich zu denen der Hals- und Lendenwirbelsäule nur eine untergeordnete Rolle. Dies gilt sowohl für die Frequenz als auch für die Schwere der Krankheitserscheinungen. Lediglich 2% aller schmerzhaften Wirbelsäulensyndrome betreffen die BWS. Sehr selten kommt es einmal zu einer therapieresistenten Wurzelirritation (Intercostalneuralgie), die eine operative Behandlung erforderlich macht.
Der Wirbelkanal ist im BWS-Bereich relativ eng und verfügt nur
über einen schmalen Epiduralraum zwischen Rückenmark und
knöcherner Umgebung bzw. Bandscheibe. Die schmalste Stelle liegt zwischen
TH4 und TH9.
Neben den eigentlichen Wirbelgelenken gibt es an der BWS noch
Wirbelrippengelenke (Vertebrocostalgelenke, Costotransversalgelenke), die gegen
den unteren Teil der Foramina intervertebralia vorspringen und den
Spinalnerv in den freien oberen Abschnitt
drängen. (Abb. 8.1)
Wegen des relativ großen Durchmessers der Foramina
intervertebralia kommen osteogene Konstriktionen, wie wir sie z. B. an der HWS
kennen, an der BWS kaum vor. Die Foramina
intervertebralia finden sich nicht neben den
Bandscheiben, wie an der unteren Hals- und Lendenwirbelsäule,
sondern auf der Höhe der Wirbelkörper.(Abb.8.2a und b)
Die bei der
HWS beschriebene Verschiebung der Rückenmarksegmente gegenüber den
dazugehörigen Bewegungssegmenten, setzt sich in der Brustwirbelsäule
weiter fort. Zwischen dem 1. und 6. Brustwirbeldorn beträgt die
Verschiebung 2, vom 7.-10. Processus spinosus 3 Segmenthöhen. Ventrale
Äste des thorakalen Spinalnerven versorgen als Nn. intercostales die Wand
des Brustkorbes und zwar die Intercostalmuskulatur, die
Costotransversalgelenke, die Pleura parietalis und die Haut. Bei Reizung eines
dieser thorakalen Spinalnerven entsteht eine sog. Intercostalneuralgie.
Die Symptomatologie der komprimierten thorakalen Spinalnervenwurzel ist durch den gürtelförmigen Schmerz charakterisiert, eventuell mit diskreten Störungen der Algesie, deren Topik sich aus dem Dermatomschema ergibt. Die Abgrenzung der einzelnen Hautbezirke ist im Thorakalbereich aber nicht so eindeutig, wie in den peripheren Extremitätenabschnitten. Ein wichtiges diagnostisches Kriterium für die Intercostalneuralgie durch degenerative Veränderungen ist auch an der Brustwirbelsäule die Positionsabhängigkeit der Beschwerden. Unter Entlastung bzw. Extension lassen die Schmerzen nach. Bei Belastung und bestimmten Körperdrehbewegungen verstärken sie sich. Daraus ergeben sich auch Hinweise für den therapeutischen Ansatz.
Wichtig bei der Therapie ist die Entlastung der thorakalen Bewegungssegmente durch Horizontallagerung. Wärmeanwendungen aller Art werden als wohltuend empfunden, weil sie diesen reflektorischen Hypertonus der Rumpfmuskeln, insbesondere der paravertebralen Rückenstrecker, lösen und die Durchblutung fördern. Ergänzend werden Manipulationen, vorwiegend als Traktion, krankengymnastische Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskeln sowie lokale Injektionen durchgeführt.
Weitaus häufiger als eine Spinalnervenirritation finden sich an der
Brustwirbelsäule nozizeptive Afferenzen, die durch Fehlhaltung,
Fehlstatik, muskuläre Dysbalancen bzw. segmentale Dysfunktionen oder
degenerative Veränderungen ausgelöst werden. Diese können sehr
schmerzhafte und therapierefraktäre reflektorische Schmerzsyndrome an der
BWS verursachen.
Auch sog. viszerovertebrale Schmerzsyndrome und
Schmerzsyndrome bei psychosozialer Problematik können sich an der
Brustwirbelsäule manifestieren.
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